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Ein Besuch am Set

Ein Ent lernt laufen

Wenn Hunderttausende Orks wie Ameisen über die Landschaft von Mittelerde strömen, wenn Gandalfs Zauberfeuerwerk die Hobbits im Auenland zum Staunen bringt oder wenn sich magische Runen in den Einen Ring brennen, dann ist dies das Werk der Programmierer und Designer von WETA Digital, der Computer-Effekt-Abteilung von Weta.

Das modernen Gebäude von WETA Digital befindet sich nur ein paar Meter von den WETA Workshop Studios entfernt und als wir eintreten fällt uns als erstes das enorme Insekt aus Stahl an der Wand auf.

„Dies ist die Weta,“ begrüßt uns Charlie McClellan, Chef von Weta Digital, „unser Maskottchen, ein neuseeländisches Rieseninsekt. Im Original nicht ganz so groß.“

Seit Mitte November 1997 arbeiten die Computer-Künstler von Weta Digital bereits an den Effekten für DER HERR DER RINGE. Aber seit dieser Zeit hat man stark aufgerüstet. 3-D-Scanner und Hochleistungsrechner wurden eingekauft und die Software immer wieder erneuert.

Kaffee und Plätzchen werden uns gereicht, bevor wir durch einen kurzen Flur in einen Vorführungsraum gehen. An den Flurwänden hängen vereinzelte Screenshots der digitalen Special-Effects. Besonders die Screenshots der Feuerwerksszenen von Bilbos Geburtstagsfeier erregen meine Aufmerksamkeit.

Visual Effects Supervisor Jim Rygiel begrüßt uns im Vorführungsraum und verdunkelt das Licht. Er verkündet, dass er uns einen Blick hinter die digitalen Kulissen der Herr-der-Ringe-Produktion gewähren möchte. Er erklärt, dass alle Darsteller vor den Dreharbeiten in ihren Kostümen eingescannt wurden und präsentiert uns auch gleich das Ergebnis. Frodo, Aragorn, Boromir, starr, mit ausgebreiteten Armeen, wie leblose Marionetten. Aber fast lebensecht. „Wir benutzen diese sogenannten Avatare vor allem für Miniaturaufnahmen und gefährliche Stunts,“ erklärt Jim Rygiel. Um zu demonstrieren wie realistisch diese Figuren wirken, spielt er eine Szene ab, in der zwei absolut identisch aussehende Männer miteinander ringen: „Einer der beiden ist ein echter Schauspieler, der andere kommt aus dem Computer,“ erklärt er. Verblüffender Weise kann man keinen Unterschied zwischen beiden Ringkämpfern erkennen. Eine weitere Szene läuft auf der Leinwand ab: Die Mauern der Hornburg: Auf dem Wehrgang gehen Aragorn und König Théoden. Die Kamera fährt zurück und man sieht die gesamte Festungsanlage und das Tal von Helms Klamm. Man möchte kaum glaube, dass es sich bei der Burg nur um ein Modell und den beiden Charakteren um Computerdoubles handelt. Er zeigt uns eine weitere Szene mit Baumbart dem Ent, der Merry und Pippin trägt. Alle drei Charaktere kommen aus dem Computer und bewegen sich sehr natürlich. Apropos Baumbart: Für die Ents und alle Bäume im „Herrn der Ringe“ wurde extra ein Programm namens „Tree-Builder“ entwickelt, dass digitale Bäume per Mausklick entstehen lässt. Nur kurz ein paar Angaben: Jahreszeit, Blattzahl, Baumart, usw... und der Computer rendert einen so realistischen Baum, dass sogar das Sonnenlicht in seinem Blattwerk gebrochen wird und jedes Blatt einzeln im Wind wehen kann.

Dann kommen wir zu den Schlachten. Es werden Szenen mit Orks und Elbenkriegern präsentiert, die zu 100% aus dem Computer kommen. Weta hat ein System entwickelt, in dem jeder digitale Krieger autonom agiert. Jeder Krieger entscheidet, ob und wie er angreift, ob er flieht oder was auch immer er tut. Zu Anfang bereitete dieses System einige Probleme, weil die Hälfte der Krieger entschied, zu fliehen und die anderen ziemlich dumm in der Gegend rumstanden. Weta erhöhte die Aggression der Krieger und ließ sie wieder auf dem digitalen Schlachtfeld antreten. Diesmal floh kein Krieger, aber 40% der Soldaten griffen die digitalen Bäume an. Wir schauen uns die abstrusen Szenen aus dem Computer an. Doch auch dieses Problem wurde behoben und den Kriegern wurde per Dateninformation erklärt, wer ihre Feinde sind. Um die gesamten Schlachten interessanter zu machen, wird dafür gesorgt, dass jeder Ork, jeder Rohirrim und jeder Elbenkrieger individuell aussieht. Der eine hat etwas kürzere Beine, der andere hat Handschuhe, ein Dritter ist größer als der Durchschnitt, und so weiter. Durch diese individuelle Charaktergestaltung entsteht ein durchaus realistisches Bild der gesamten Massen.

Dann kommen wir zu einem Thema, dass die Weta Crew mit Stolz präsentiert und welches ihr liebster Zögling ist: Gollum! Der Höhlenbewohner Gollum war eine ganz besondere Herausforderung für das Team von Weta-Digital. Das besondere an der Figur ist, dass sie nicht wie die anderen Monster nur für ein oder zwei Szenen im Film auftaucht, sondern vielmehr im zweiten Film zu den Hauptpersonen stößt und die Geschichte bis zum Ende des dritten Teils mit tragen muss. Zusammen mit den Akteuren begibt sich Gollum auf die Reise zum Schicksalsberg. Während dieser langen Reise lernt der Zuschauer eine schizophrene Eigenschaft Gollums kennen. Zwei Seelen streiten sich in seinem Körper – das Furcht einflößende, hinterhältige Monster aus den Orkhöhlen und der Mitleid erregende, winselnde Sméagol, Gollums Alter Ego. Diese Charaktereigenschaften auf eine computergenerierte Figur zu übertragen war die Aufgabe der Computer-Künstler. „Gollum wird eine der hochentwickeltsten digitalen Kreationen sein, die man bisher gesehen hat“, verspricht Jim. Und tatsächlich: Wir bekommen einige streng geheime Szenen zu sehen, in der Gollum mit den Hobbits durch Mordor zieht. Nach drei Sekunden hat man vergessen, dass es sich nicht wirklich um einen Darsteller handelt. In einer Szene sehe ich, wie die beiden Hobbits schlafen und sich Gollum an Frodo heranschleicht. Dann klaut er ihm das letzte Lembas aus dem Rucksack, streut ein paar Krümel über Sam aus und wirft das Elbenbrot in eine Felsspalte.

Gollum wird durch eine Kombination aus herkömmlicher Computeranimation und komplizierter Motion-Capture-Technik zum Leben erweckt. Motion-Capturing ist ein Verfahren, bei dem ein Schauspieler in einem Datenanzug steckt, der jede Bewegung aufzeichnet und an den Computer leitet, erklärt Jim Rygiel. WETA-Digital habe dieses Verfahren verbessert um flüssige, dynamische Bewegungen zu erzeugen. Peter Jackson wollte von Anfang an einen computergenerierten Look verhindern. Damit Gollum realistisch wirkt, wurde ein Drahtgittermodell von seinem Körper entworfen, das auf organischen Muskeln und Knochen basiert. Die Weta-Künstler studierten unzählige Anatomie-Lehrbücher, um realistische Gewebestrukturen und Muskelverläufe zu entwickeln. Der Zuschauer sollte unter der blassen, ausgemergelten Haut die Muskeln und Knochen erkennen können. Unterstützt wurde die Weta-Crew dabei von dem Schauspieler Andy Serkis, der Gollum im englischen Original seine Stimme leiht.

Um die Szenen und Kameraeinstellungen mit Gollum und allen anderen CGI Monstern direkt am Drehort überprüfen zu können, wurde ein besonderes System für Regisseur Peter Jackson entwickelt: Wir sehen Peter Jackson im Moria-Studio mit einer gewaltigen Cyber-Brille, von der dicke Kabelstränge wegführen. Die Gläser der Brille sind halbdurchsichtig, so dass er ganz normal die Szenerie mit den Schauspielern anschauen kann. Die fehlenden Elemente, zum Beispiel der Höhlentroll, werden Jackson dann direkt in die Brille projiziert. Das bedeutet, der Regisseur kann mit der Brille um die Szenerie herumlaufen, sich den Höhlentroll von allen Seiten ansehen und so die beste Kameraposition festlegen.

Es folgen weiter geheime Szenen und ich sehe als einer der ersten Menschen außerhalb der Produktion den streng geheimen Balrog. Uns werden verschiedene CGI-Feuer-Arten demonstriert. Wir sehen einige unfertige Szenen mit dem Höhlentroll. Jim verweist uns scherzhaft auf das männliche Geschlechtsorgan des Trolls, das eigentlich im Film zu sehen sein sollte. Aber New Line Cinema war mit dem „Gebaumel“ zwischen den Beinen des Trolls gar nicht einverstanden und verordneten dem Höhlentroll einen züchtigen Lendenschurz.

Um zu demonstrieren, wie dynamisch der Höhlentroll programmiert ist, schauen wir uns diverse Szenenvarianten mit ihm an, in denen er beispielsweise den Pinguin aus „Wallace und Gromit“ angreift oder verzweifelte Versuche unternimmt mit seiner Keule einen roten Gummiball zu zerschlagen.

Nach der Vorführung trafen wir uns zum wiederholten Kaffeetrinken mit Charlie Mclellan, Jim Rygiel und anderen Weta-Digital-Mitarbeitern. Kaffee war anscheinend am Set und hinter den Kulissen dieser Produktion eine der wichtigsten Lebensmittel. Mir half er auf jeden Fall für ein paar Stunden über mein Jetlag hinweg, bis ich am frühen Abend im Hotel ins Reich der Träume schlummerte.

In den Straßen von Minas Tirith

„Zieh Dir für morgen Gummistiefel an!“ hatte mich Claire noch am Vortag gewarnt. „Sehr witzig“, dachte ich mir nur, „wo soll ich denn hier im Hotel Gummistiefel hernehmen?“

Diesmal hatte mich der hoteleigene Weckdienst um 6:30 Uhr aus meinen Träumen gerissen und mir blieben nur 90 Minuten Zeit um mich zu duschen und zu frühstücken. Um 8 Uhr sollte mich mein Fahrer wieder vor dem Hotel abholen, denn heute sollte es zu einem ganz besonderen Set gehen. Gummistiefel hatte ich natürlich nicht dabei und zu allem Überfluß fing es nun auch noch ausgerechnet an zu regnen.

Nach etwas 20 Minuten Fahrt erreichen wir einen Steinbruch nördlich von Wellington. Ich kenne die Location bereits von einigen Fan-Fotos aus dem Internet. Es handelt sich um den selben Steinbruch, in dem auch vor einigen Monaten die Helms Klamm Szenen gedreht wurden. Nachteil dieser Location ist, dass sie direkt an einer der wichtigsten neuseeländischen Verkehrsrouten liegt und ohne Probleme von der Straße aus einsehbar ist. Jetzt wurden einige Straßenzüge der Stadt Minas Tirith in diesem Steinbruch errichtet. Dieses Set leibhaftig vor sich zu sehen ist noch um einiges eindrucksvoller als jedes Fotos. Wir versammeln uns vor dem großen Stadttor und Department Managerin Chris Hennah begrüßt uns. Sie trägt einen weißen Schutzhelm und hat für jeden von uns einen blaue Helm dabei. Das Set werde zur Zeit noch errichtet und die Kulissen seien nicht ganz ungefährlich, erklären sie uns.

Wir treten durch das eindrucksvolle, über zehn Meter hohe Haupttor von Minas Tirith auf einen großen Platz. Zwei Bauarbeiter sind damit beschäftigt, den schlammigen Platz mit Pflastersteinen zu versehen. Auf der Mitte des Platzes steht erhaben und gewaltig die Statue eines Reiters und eine Straße führt den Hang hinauf. Drei gewaltige Könige aus Stein stehen an einem Felsen. Chris Hennah erklärt uns, dass dieser Felsen nachher am Computer verlängert und bis zu Ecthelions Turm hoch über Minas Tirith führen werde. Wir überqueren den Platz und gehen die Straße hinauf. Mir stockt der Atem. Ich gehe tatsächlich durch Minas Tirith! Die Häuser erheben sich zu beiden Seiten bis zu drei Etagen hoch. Einige haben Säulengänge oder Balkone. Alles wirkt so realitisch, dass ich es nicht lassen kann. Ich muss zu einer der Mauern gehen und sie berühren. Als ich den kalten Mamor anfasse, werde ich zurück in die Realität geholt: kein kalter Marmor, nur ein styroporartiges, glattes Plastik, ähnlich, wie man es aus Freizeitparks kennt. Die Straße gabelt sich nach etwa 50 Metern und wir folgen der neuen Straße ein kleines Stück, bis wir auf einen weiteren kleinen Platz vor einem zweiten Tor kommen. Einige Bauarbeiter hängen in einem Gerüst und malen die Wände der Häuser an. Der Boden ist durch den Regen aufgeweicht und jetzt verstehe ich auch wofür wir die Gummistiefel gebraucht hätten. Chris erklärt, dass unten auf dem großen Hauptplatz in etwa einer Woche eine große Schlacht gedreht werden soll. Zuvor werde man aber Gandalfs und Pippins Ankunft in der weißen Stadt drehen. Bis dahin müssten die Kulissen fertig sein. Die beiden würden dann auf Schattenfell durch die Stadt reiten und Peter Jackson habe die Idee gehabt, dies so lange wie möglich ohne Schnitt zu zeigen, damit die Ausmaße der Stadt auch gut verdeutlicht werden. Für diese Aufnahme habe man extra ein cleveres Einbahnstraßen-System entwickelt, so dass die Schauspieler auf dem Pferd mehrmals die gleichen Straßen in verschiedene Richtungen entlang reiten kann , der Zuschauer aber dies durch die wechselnde Perspektive nicht merken wird.

Als wir uns zurück zum Hauptplatz begeben, bemerke ich einige Statisten, die in vollen gondorianischen Rüstungen eine Schwertkampf-Choreographie einüben. Als die Gondorianer, (die eigentlich alle maorischer Abstammung sind) uns erblicken, legen sie eine Pause ein und kommen zu uns hinüber. Sie alle tragen prunkvolle Helme, auf denen Flügel angedeutet sind, auf ihren dunklen Rüstungen tragen sie das Zeichen des Baumes Nimloth. Alle Statisten haben prächtige, lange schwarze Haare. Ich erkundige mich bei einem von ihnen, ob ich mal einen Helm ausprobieren dürfe und als er den Helm abnimmt, bemerke ich zu meiner Verwunderung, dass er einen kahlen Schädel hat und die Haare nur künstlich im Helm befestigt sind. Leider ist mir der Helm viel zu groß und ich wirke eher lächerlich als heroisch.

Nach einem kurzen Smalltalk mit den Statisten geht es auch schon wieder in Richtung Limousine und wer sich nun wirklich nicht auf mich freut ist mein Fahrer, als er die großen Schlammbrocken an meinen Schuhen erblickt. Aber wie wir dieses Problem gelöst haben ist eine völlig andere Geschichte und so ging auch dieser Tag am Herr-der-Ringe-Set für meinen Geschmack viel zu schnell zu Ende. Und noch während wir uns mehr und mehr vom Drehort entfernen, blicke ich sehnsüchtig zurück nach Mittelerde.

((c) Stefan Servos 2001)

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