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Auricle

Für jeden Dirigenten ist es eine herausfordernde Aufgabe, ein Orchester und zwei Chöre für eine Dauer von zweieinhalb bis dreieinhalb Stunden zu dirigieren. Noch kniffliger wird es, wenn Timing, Einsatz und Timbre genau auf einen Film abgestimmt sein müssen, der parallel zur Aufführung spielt. Damit der Dirigent mit höchster Präzision eine solche Leistung vollbringen kann, hat Mensch ihm eine Maschine gebaut: Ein Computerprogramm mit dem Namen "Auricle".

Wir entschuldigen uns im Voraus für ausschweifende Ausflüge in die Musikgeschichte oder in Tonstudios und die Schilderung der Techniken der Filmmusikkomponisten. Aber unsere Leidenschaft für das Thema fordert von uns, dass wir auch dem unwissenden Leser die Aufgaben von „Auricle“ und sein unbestrittenes Existenzrecht erklären. Sollte der Leser jedoch nur an der Schilderung der Wirkungsweise von „Auricle“ im Konzertsaal interessiert sein, so möge er „Freund“ sprechen und HIER klicken.

Revolution

"Auricle" wurde von der Auricle Control Systems (ACS) geschaffen. Die Firma wurde schon 1983 gegründet. Der Komponist Ron Grant und Computeringenieur Richard Grant haben sich aufgemacht, die erste professionelle PC-Software für Filmkomponisten zu schreiben, der Name: "Auricle – The Film Comopser’s Time Processor". 1985 gewannen sie dafür sogar den Emmy-Award für Wissenschaftliche Errungenschaften und haben damit die Filmmusikwelt revolutioniert.

Und damit ist auch schon verraten, worum es beim "Auricle" geht: Es ermöglicht dem Komponisten, Zählzeiten (also u.a. Rhythmen) exakt einzuhalten. "Auricle" ist heute Standard-Software in jedem Film-Tonstudio und führt sprichwörtlich nicht nur den Takt, sondern auch den Marsch unter den elektronischen Dirigierhilfen an. So hilft "Auricle" nicht nur, die Musik einzuspielen, sondern auch, sie schon während des Entstehungsprozesses richtig zu timen und zu arrangieren.

Daher wird es heute von den meisten Komponisten in der Filmmusikbranche eingesetzt, vom Hollywoodfilm, über die Fernsehserie zum Videospot. Denn Timing ist alles. Es wurde sogar behauptet, "Auricle" sei "das heißeste Zeug, dass Hollywood seit der Einführung von Technicolor erlebt hat" (family computing).

Auricle für Komponisten und sein Einsatz im Tonstudio

Filmmusikkomponisten schreiben ihre Musik für einen Regisseur und dessen Film. Sie schreiben die Musik nicht, weil sie gerade dazu Lust haben oder unbedingt ihr neues Album herausbringen wollen. Daher ergeben sich einige Schwierigkeiten zwischen 'Film' und 'Musik'. Filmmusikkomponisten sind mit Problemen konfrontiert, denen ein Mozart, ein Beethoven oder eine Madonna nie gegenüber standen. Deren Musik dient dem Selbstzweck: Farbe, Inhalt, Tempo, Rhythmus sind bei ihnen völlig selbstreflexiv und eine wahrhaftig persönliche Angelegenheit des Komponisten und seiner kreativen Schöpfung. Die Musik eines Filmkomponisten muss sich aber nicht dessen innerem Gemütszustand anpassen, sondern eher dem filmischen Szenario. Sie muss Emotionen und Schauplätze akustisch erschaffen, mit ihnen in Einklang gehen, sie über die Zeit vielleicht sogar zu verändern. Im Englischen sagt man dazu Underscoring.

Ein Film wird inszeniert, um bestimmt Merkmale von Charakteren, Schauplätzen oder Begebenheiten herauszuarbeiten, um sie dem Zuschauer so greifbar und verständlich zu machen. In der visuellen Gestaltung gibt es dabei aber gewissen Grenzen. Daher muss die Musik einspringen, um auf bestimmte Dinge aufmerksam zu machen. In Peter Jacksons HERR DER RINGE setzt Howard Shore den Knabenchor ein, um die Stimme des Ringes zu bilden, und so seine verführerische Gefahr greifbar zu machen. So etwas können Bilder allein nicht erreichen. Die Musik muss also ein Gefühl vertonen, das während einer bestimmten Kameraeinstellung anfängt, um dann in einer anderen Einstellung in ein anderes Thema überzugehen. Daher muss der Komponist sekundengenau die musikalischen Bedürfnisse der Zuhörer bedienen.

Wird ein Film nach dem Dreh zurechtgeschnitten, so geschieht dies meist ohne Rücksicht auf die Musik, die später einmal dem Film unterlegt sein soll. Daher ist der Komponist in vielen Situationen gezwungen, seine Themen und musikalischen Konstrukte, die er meist schon im Vorherein entworfen hat, diesem cinematischen Tempo anzupassen, einem Zeitmaß, dass für gewöhnlich nichts mit der Musik zu tun hat. Das ist aber wichtig, denn Noten folgen einem geregelten Zeitmuster. Das kann dazu führen, dass ein musikalischer Effekt, kurz vor oder nach einem Hit (einem wichtigen filmischen Ereignis) stattfindet. Die Anzahl der Noten ist da von großer Bedeutung. Eine lustige Grafik soll das illustrieren:

Daher ist die Frage für jeden Filmkomponisten: Wie muss ich meine Musik arrangieren, damit sie auf den Film passt? Ein recht unverschämter Gedanke, etwas bereitwillig aus seiner eigenen Schöpfung zu reißen. Auf Grund dieser oben abgebildeten Konzepte über den Einsatz von Musik werden sogenannte Cue-Sheets erstellt. Also Zeitangaben, die genau Beschreiben, wann welche Art von Musik benutzt werden soll. Diese Dinge werden in sogenannten "Spotting Sessions" zusammen mit dem Regisseur, dem Komponisten und anderen wichtigen Beteiligten festgelegt. Auf deren Grundlage wird nun die Musik geschrieben. Dieser Teil würde ein ganzes Buch füllen. Deswegen springen ein wenig nach vorn.

Nun kommen wir dem Filmmusikkonzert schon näher. Nämlich im Einspielen der Musik im Tonstudio – den sogenannten Scoring-Sessions.

Der Film läuft während dieser Sessions immer mit. Es geht eben nicht nur um die Musik, sondern um das filmische Erlebnis – das Produkt, das entsteht, wenn Film und Musik vereint werden. Konstruktive Kritik über die Musik und ihre Wirkung wären unmöglich, wenn der Film dabei im Koffer bliebe.

Nun folgt eine Menge von Vorbereitungen seitens der Arrangeure und Orchestratoren. Zusammen mit dem Dirigenten erstellen sie oft einen sogenannten Click-Track: Ein Klicken im Takt, um dem Tempo zu folgen. Der Rhythmus des Klickens wird festgelegt, sodass der Dirigent seine Musik exakt auf den Takt bringen kann und somit dem Film folgen kann. Deswegen tragen die Dirigenten beim Einspielen der Musik auch Kopfhörer, um dem Klicken zu folgen. Während dieser Recording-Sessions wird die Musik bearbeitet, gekürzt, umkomponiert und wieder eingespielt. Solange, bis es passt. Mit Hilfe der Visualisierung von "Auricle" schafft der Dirigent dies sehr zuverlässig. (Mehr zu der Visualisierung im nächsten Abschnitt.) Deswegen stand für das sogenannte LORD OF THE RINGS – THE RARITIES CD-Set auch soviel Material zu Verfügung. Da verschiedene musikalische Kombinationen und Gebilde versucht und aufgenommen wurden, entstand schnell eine riesige Bibliothek von Mittelerde-Musik. Am Ende dieser Sessions steht die Musik für den Film. Die Highlights daraus kann man dann für gewöhnlich wenige Wochen später im CD-Laden seines Vertrauens kaufen.

Auricle für Dirigenten

Auch während der LIVE TO PROJECTION-Konzerte muss die Musik genau auf dem Film passen. Wir habe aber einen Vorteil: Wir haben bereits die fertige Musik als extra ausgearbeitete Orchesterpartitur vor uns liegen. Die Hauptaufgabe des Dirigenten ist es, sein Orchester und den Chor zielsicher und synchron durch den dreistündigen Abend zu bringen. Die Dirigierhilfe "Auricle" ermöglicht die akribische Synchronisierung der Melodiefragmente mit den Handlungssträngen. "Auf einem kleinen Bildschirm ist der gesamt Film, wie ihn das Publikum zu sehen bekommt, nochmals zu sehen, doch ist die Darbietung des Filmes auf dem 'Auricle' mit farbigen Markierungen/Strichen und weißen, aufblitzenden Punkten, sogenannten 'Punches' versehen", erklärt Ludwig Wicki. Der Name der Punches entstand, weil früher die Celluloidrollen für die Bestimmung dieser Taktvisualisierungen wirklich eingestanzt wurden - bleistiftgroße Löcher wurden dort hinein gepuncht. Heute geschieht dies natürlich digital mit "Auricle". Der Name dafür aber blieb erhalten. Der Punch gibt den Einsatz für ein bestimmtes musikalisches Ereignis.

Sogenannte Flutters, die ebenfalls das Aussehen von weißen Kreisen haben, stellen eine andere Form der Clicks aus den Kopfhörern der Dirigenten während der Recording-Sessions dar. Somit wird ein Rhythmus imitiert. Der weiße Kreis flickert schnell, eben im Takt, auf. Ein Flutter erscheint auf jeder Eins eines Taktes.

"Die farbigen Streifen laufen durch das Bild hindurch von links nach rechts." Diese Linien heißen 'Streamers'. Bei den LORD OF THE RINGS – LIVE TO PROJECTION-Konzerten werden folgende Farbschemen verwendet: Eine pinke Linie symbolisiert einen kommenden Einsatz, grüne und rote Linien markieren Anfangs- bzw. Endphasen, eine blaue Linie beschreibt einen Tempiwechsel und eine weiße beschreibt einen Hit-Point oder einen internen Cut in der Musik. Am Ende solch eines Streamers steht dann der Punch.

Die Flutters und die Streamers geben dem Dirigenten Hinweise auf die Geschehnisse auf der Leinwand, sodass er das Orchester auf einen musikalischen Moment vorbereiten kann und so die Geschwindigkeit exakt bestimmen kann.

Dieses Newman-System, die Nutzung der Flutters in dieser Art und Weise, ist übrigens nach seinem Erfinder benannt: Alfred Newman, Vater von David (FLINTSTONES, GALAXY QUEST, ICE AGE, etc.), Thom (SHAWSHANK REDEMPTION, AMERICAN BEAUTY, FINDING NEMO, WALL-E, etc.) und Maria (klassische Komponistin und professionelle Violinistin) und Onkel von Randy (Toy Story, I Love L.A., etc.)!

Wozu braucht man dann noch einen Dirigenten?

"Auricle" ist und bleibt eine Kompositions- und Dirigierhilfe. Der Dirigent hat nach wie vor sein Orchester voll in der Hand. "Auricle" mag zwar in der Lage sein, Visualisierungen zu geben, aber was diese genau, bezogen auf die vorliegende Partitur, aussagen, vermag auch das Programm nicht auszudrücken. Darum muss der Dirigent die Signale interpretieren und seinem Orchester die Anweisungen geben. So etwas benötigt auch weiterhin den Menschen und seine Individualität und Handwerk.

Nach diesem schnellen Ritt durch einige der wichtigsten Etappen des Filmscorings und dem Gebrauch von "Auricle" macht ein Filmmusikkonzert, auf dem dieses System zum Einsatz kommt, noch mehr Spaß. Man ist live dabei, wenn solche in grandioses Stück der Filmtechnik zum Einsatz kommt.

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