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Cirdans Filmbesprechung von DER HOBBIT: EINE UNERWARTETE REISE

; Quelle: HDRF

„DER HOBBIT ist eine ziemlich simple Geschichte, in der es kaum Charakter-Entwicklung gibt. Es wäre ziemlich schwierig daraus einen zufrieden stellenden Film zu machen“, hatte Regisseur Peter Jackson vor vierzehn Jahren einmal in einem Interview auf die Frage geantwortet, warum er denn zuerst den HERRN DER RINGE verfilme und nicht chronologisch richtig den HOBBIT. Nun hat er sich aber doch an das Kinderbuch von J.R.R. Tolkien gewagt und das Ergebnis läuft seit heute offiziell im Kino. Hier ist meine Rezension! VORSICHT SPOILER!

Das war sie nun also Peter Jacksons Interpretation das erste Drittels von DER HOBBIT. Der neuseeländische Regisseur führt uns zurück nach Mittelerde und hüllt uns wieder ein in eine warme, kuschelige Decke aus Bildern und Tönen, eine Decke, deren Geruch einem gut vertraut vorkommt. Es ist wie eine Heimkehr an einen Ort, an dem man lange nicht mehr war und man fühlt sich gleich wieder wohl, als ob man nach Hause gekommen wäre. Doch spätestens wenn der Prolog mit Frodo (Elijah Wood) und Bilbo (Ian Holm) endet, wird klar, dass der HOBBIT nicht DER HERR DER RINGE ist. Jackson ließ auch nie Zweifel daran, dass die neue Verfilmung zwar in der gleichen Welt spielt wie die HERR-DER-RINGE-Trilogie, aber ein komplett eigenständiger Film ist. Ähnlich der Buchvorlage kommt der HOBBIT wesentlich unverkrampfter und kindlicher daher, Humor und Kurzweiligkeit ersetzen großes Epos. Interessanterweise ist aber eben die Buchvorlage auch gleichzeitig ein großer erzählerischer Stolperstein, aber dazu später mehr.

Eines der der wichtigsten Wiedererkennungsmerkmale des Films ist ohne Zweifel die Musik. Komponist Howard Shore hat wieder ganze Arbeit geleistet, wenn sein Werk auch diesmal nicht ganz so originär ist, wie bei DER HERR DER RINGE. Natürlich hat er viele seiner eigenen Leitmotive wieder aufgegriffen und so geht einem das Herz auf, wenn altbekannte Themen zu Beutelsend, Galadriel, Bruchtal und dem Einen Ring ertönen. Das stärkste neue musikalische Motiv ist sicherlich die Misty-Mountains-Melodie die immer wieder epische angespielt wird, wenn die Zwerge wieder einmal einen Bergkamm überqueren. Es ist fast so, als hätte Howard Shore nie aufgehört für Mittelerde zu komponieren und einfach nach DER HERR DER RINGE weitergemacht. Ein Soundtrack zum Niederknien!

Neu beim HOBBIT ist die Kameratechnik. Peter Jacksons 3D-Umsetzung des Films in hoher Auflösung und mit 48 Frames-per-Second (fps) ist einfach nur atemberaubend! Es ist tatsächlich so, als hätte jemand an Stelle der Leinwand ein Fenster nach Mittelerde ins Kino eingebaut. Die Distanz, die normalerweise durch die Leinwand entsteht, ist völlig aufgehoben. Das 3D-Element ist genial eingesetzt, weder aufdringlich noch zu subtil, sondern genau wie das echte Leben. Die Bilder sind so brillant und klar, dass man förmlich in den Film hineingezogen wird. Und 3D-Störungen, Doppelbilder, Kopfschmerzen oder ähnliches gibt es Dank 48-fps gar nicht. Besser hat man 3D nie gesehen! Allein die extrem aufgedrehten Farben sind etwas gewöhnungsbedürftig. Peter Jackson wollte Mittelerde goldener zeigen, das Ergebnis hat FAZ-Filmkritiker Dietmar Dath in seiner Filmbesprechung folgendermaßen auf den Punkt gebracht:

Allein seine verschwenderische Farbregie reicht hin, Kunsthistoriker in epileptische Zusammenbrüche zu stoßen: Das Rubin-, Beryll-, Smaragd- und Goldrauschflirren der Drachenburg wird durch fieberheiße Kristallfilter angestaunt, dann flammen die Polarlichtblitze des Krieges auf, gefolgt von den Elmsfeuern des Heimwehs und einigen mal in knochenweiße Nebeltünche, mal in bronzierten Patinadunst getauchten Rückblenden.

(aus „Wichtelwürde in Wehr und Waffen“, FAZ, 12.12.2012 von Dietmar Dath)

Bei der DER HOBBIT: EINE UNERWARTETE REISE sind alle Bilder atemberaubend, Bruchtal ist noch größer geworden, die Stollen der Orks unter dem Nebelgebirge sind gewaltig und das Zwergenreich unter dem Erebor ist ein wahrer Augenöffner. Ähnlich ist es mit den Action-Sequenzen, die einen einer Achterbahn gleich mitreißen, auf die man während der Fahrt einsteigt. Aber dennoch sind es die vielen oft fast kammerspielartigen Charakter-Momente, die die wahre Stärke des Films ausmachen.

Auch wenn der HOBBIT in vielen Aspekten nicht an den HERRN DER RINGE heran reicht, so kann er der Trilogie von vor zehn Jahren vor allem in Hinsicht der schauspielerischen Leistung locker das Wasser reichen. Hier hat sich auch Peter Jackson als Regisseur sichtlich weiterentwickelt. Martin Freeman als Bilbo Beutlin ist wahrscheinlich die beste Besetzung, die es in dem gesamten Mittelerde-Kosmos je gegeben hat. Er verleiht dem Hobbit Bilbo Beutlin eine unglaubliche Charaktertiefe und spielt so differenziert und detailverliebt, dass es eine wahre Freude ist, ihm einfach nur zuzuschauen. Die erste Begegnung des jungen Bilbo mit Gandalf dem Grauen („Einen guten Morgen wünsche ich“) zählt schon jetzt zu den ikonischen Momenten der Hobbit-Trilogie! Das absolute Highlight des Films ist aber ohne Zweifel die ausgiebige Dialogszene zwischen Bilbo, Gollum und Sméagol. Die Stimmung des Rätselspiels, die stets schwankt zwischen Mitleid und Bedrohung, mit den passenden „comical relief“-Momenten, beispielsweise wenn Gollum dem Hobbit ein Rätsel stellt und Sméagol es unbedingt beantworten möchte, ist einfach ein inszenatorisches Meisterwerk. Die Szene an dem unterirdischen See endet in dem grandiosesten Moment des Films, wenn Bilbo (durch den Ring unsichtbar) mit dem Schwert ausholt, um Gollum/Sméagol zu erschlagen und dann plötzlich das gesamte Leid der Kreatur in deren Augen erblickt, und Peter Jackson die Brücke zu dem Gespräch von Frodo und Gandalf in Moria schlägt, als Frodo fragt, warum Bilbo Gollum nicht erschlagen habe, als er die Chance dazu hatte. Es wäre nicht verwunderlich, wenn der Oscar 2013 für die beste Nebenrolle erstmals an einen CGI-Charakter geht.

Während die meisten Zwerge eher blass bleiben (es gibt einfach zu viele von ihnen) ist Richard Armitage als Thorin Eichenschild die treibende Kraft des Films. Voller Leidenschaft und mit einem fanatischen Glühen in den Augen verkörpert er den gefallenen Zwergenkönig, der sein Königreich zurückerobern will, komme was wolle und wenn er dafür auch über Leichen gehen muss. Fast prophetisch ist da Gandalfs Ankündigung, dass sein zwergischer Starrsinn eines Tages sein Verderben sein wird. Und so entwickelt sich Thorin mehr und mehr zum Kapitän Ahab von Mittelerde und der Drache wird unausweichlich sein weißer Wal.

Radagast (gespielt von Sylvester McCoy) ist in seiner Albernheit wirklich grenzwertig. Er ist Peter Jacksons anarchische Durchbrechung des Kanons, dennoch bleibt es nicht aus, dass man sich dabei erwischt, ob des bekifften Istar durchaus amüsiert zu sein. Aber wenn es eine Stelle in DER HOBBIT: EINE UNERWARTETE REISE gibt, die wirklich unangenehm aus dem Rahmen fällt, dann ist es das unvermittelte Auftauchen von Radagast an der Trollhöhle und die anschließende Warg-Verfolgungsjagd durch die Leeren Lande. Plötzlich fühlt man sich an den Warg-Angriff in DIE ZWEI TÜRME erinnert, der ein ähnlicher Störfaktor in der Geschichte war und man fragt sich die ganze Zeit einfach nur was das eigentlich soll. Eine Szene, die vermutlich dramaturgischen Denkens geschuldet ist, um den finalen Kampf mit den Wargen im Kiefernwald einzuleiten, die man sich aber durchaus hätte sparen können. Und so ist dies die einzige Stelle in dem Film, an der Peter Jackson seine Zuschauer für einen Moment verliert, weil er sich zu sehr in die Idee einer Verfolgungsjagd zwischen Kaninchen und Wargen verliebt hat.

Dass Peter Jackson und sein Drehbuchteam die Geschichte der literarischen Vorlage entsprechend ausbauen war bekannt, ob die Vorgeschichte der Zwerge, den Weißen Rat oder die Ereignisse in Dol Guldur. Erstaunlicherweise hält sich Jackson dabei allerdings sehr bedeckt und gestaltet die Ereignisse weniger episch, als es sich angeboten hätte. Vielleicht tut er dies, um den Tonus der Gesamterzählung nicht zu durchbrechen. Und so wirkt der Weiße Rat mehr wie ein netter, unverbindlicher Plausch auf der Terrasse von Imladris, als das Krisentreffen der Mächtigsten von Mittelerde. Sehr schön, sind allerdings die vielen subtilen Anspielungen auf das tolkienische Gesamtepos, beispielsweise, wenn Radagast in bestem Quenya die Valier Yavanna anruft und somit die bedrohlichen Riesenspinnen („Ungolianths Brut“) vertreibt oder wenn Gandalf beim Aufbruch in die Wildnis Pippins Lied zitiert („Daheim verblasst, die Welt rückt nah“).

Dass Peter Jackson den bleichen Ork Azog als Antagonisten des ersten Teils aufbaut, war vermutlich eine Entscheidung, die mit der Dreiteilung der Filme zu tun hatte. In frühem Merchandising-Material war nämlich dessen Sohn Bolg noch als Bösewicht des ersten Films angekündigt. Azog ist sowohl in Tolkiens Werk wie auch im Film ein grausamer Orkhäuptling der Thorin Eichenschilds Großvater Thrór in den Minen von Moria tötete und dessen Leiche schändet. Dies geschieht laut Tolkien etwa 140 Jahre vor der Reise der Zwerge zum Erebor. Und während Azog in der literarischen Vorlage irgendwann von Dain Eisenfuß erschlagen wird, wird er in der Verfilmung von Thorin zwar verstümmelt, aber nicht getötet und beginnt dann seinen Jahrzehnte dauernden Rachefeldzug gegen den Zwergenanführer. Tja… mit dem Film-Azog ist das so eine Sache. Verglichen mit HERR-DER-RINGE-Fieslingen wie dem Lurtz, dem Balrog, den Nazgûl oder gar Sauron bleibt Azog irgendwie formlos und stets – Achtung – blass. Selbst der große Ork (grandios von Barry Humphries durchs CGI hindurch gespielt) ist ein komplexerer Charakter als Azog, der sich auf einfaches Gebrüll und Endgegner-Phrasen wie „Tötet sie alle!“ beschränken muss. Da hätte Peter Jackson wirklich mehr raus holen können aus der Figur.

Es drängt sich der Gedanke auf, dass sich Peter Jackson viel zu viele Freiheiten bei der Adaption der literarischen Vorlage erlaubt hat. Komischerweise ist das aber bis auf diese ein oder zwei Ausnahmen gar nicht der Fall. Tatsächlich krankt die Dramaturgie des Films an der Buchvorlage. Dadurch, dass Jackson jede einzelne Episode und jeden Dialog aus dem Kinderbuch wirklich nahezu buchgetreu umsetzt, entsteht der gleiche unausgegorene, episodenhafte Charakter wie auf dem Papier. Die vielen kleinen Geschichten sind zwar nett anzuschauen, haben aber alle nichts mit einander zu tun und wirken im Ganzen oft inhomogen. Wie auch der Roman gibt sich der Film an vielen Stellen wie ein Flickenteppich, bei dem die einzelnen Flicken einfach nicht zusammenpassen wollen. Solche dramaturgischen Schwächen hat Jackson in DER HERR DER RINGE schon einmal besser ausgebügelt. Wenn man ihm in seiner Adaption nun also etwas vorwerfen will, dann vielleicht, dass er sich zu sklavisch an Tolkiens Buchvorlage hält (und wer hätte gedacht, dass ich als Buchfan so etwas einmal schreiben werden). Zwar bemüht sich Jackson mit dem erneuten Erstarken von Sauron (dem Nekromant) einen übergreifenden roten Faden einzuführen, doch der bleibt stets zu blass im Hintergrund. Und so stolpern Bilbo und die Zwerge von einer Episode in die nächste. Diese Episoden selbst aber – und das muss noch einmal gesagt werden – sind jede für sich sehr sehenswert.

Fazit: Wieder einmal hat Peter Jackson das Unglaubliche geschafft und das unverfilmbare Buch verfilmt! Vor DER HOBBIT hätte vermutlich kein Regisseur der Welt gewagt 13 singende Zwerge als Hauptcharaktere auf der Leinwand zu etablieren, oder den Rätsel-Wettstreit zwischen Gollum und Bilbo in voller Länge durchzuspielen, oder gar einen Ork-Anführer ein Lied singen lassen. Doch Peter Jackson tut es und er tut es gut! Trotz einiger Mankos bleibt DER HOBBIT: EINE UNERWARTETE REISE ein großartiger Film, der in keiner Sekunde langweilig wird. Die Zeit fliegt förmlich dahin und das Ende kommt viel zu schnell. Und wieder sind es die kleinen, liebevollen Details und die stillen Momente, die diesen Film zu etwas Besonderem machen. Auch wenn DER HOBBIT nicht mehr das gleiche Feuer entfachen kann wie seinerzeit DER HERR DER RINGE, so bleibt er doch eine zauberhafte Rückkehr nach Mittelerde und allein die Aussicht auf mehr Szenen mit Martin Freeman als Bilbo Beutlin steigern die Vorfreude auf den zweiten Teil der HOBBIT-Trilogie.

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