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Die Mythenschöpfer Tolkien und Disney

; Quelle: F.A.Z.

Ein Artikel aus dem Feuilleton-Teil der F.A.Z. - Im Dezember diesen Jahres soll sich das märchenhafte 1937 wiederholen. Das Jahr 1937 war ein annus mirabilis des Märchens. J. R. R. Tolkien veröffentlichte seinen "Kleinen Hobbit", Walt Disney brachte "Schneewittchen und die sieben Zwerge" ins Kino.

Die krisengeschüttelten dreißiger Jahre nahmen beide Werke wie Erlösungsversprechen auf. Nun soll sich dieses Phänomen wiederholen - in einem Jahr, das mehr und mehr, von der Debatte über die Lebenswissenschaften bis zu den Krawallen der Globalisierungsgegner, als Krisenjahr empfunden wird, als Jahr, in dem wir uns vergewissern müssen, was von den Mythen unserer Existenz bleibt.

Im Dezember dieses Jahres, wenn Walt Disney seinen hundertsten Geburtstag gefeiert hätte, wird der erste Teil einer Trilogie ins Kino kommen, die schon jetzt als Filmsensation gehandelt wird, obwohl man außer einigen Trailern noch nichts davon hat sehen können. Mit großer Starbesetzung und einem Etat von mehr als hundertfünfzig Millionen Dollar hat der neuseeländische Regisseur Peter Jackson Tolkiens "Herr der Ringe" verfilmt, und drei Jahre lang wird jeden Dezember ein neuer Teil auf die Leinwand gelangen: Nach dem Muster des Erfolgs von "Krieg der Sterne" soll ein Fantasy-Spektakel entfesselt werden, das weltweit ein Massenpublikum in die Lichtspielhäuser zu locken hofft. Selten wünschte man sich so sehr, daß ein Film ein Meisterwerk werden möge.

Disneys Film war eines, und es faßte seine Zeit in Bilder. Gleiches galt für den Roman Tolkiens, der seine Leser in eine imaginäre Welt führte, die man mit dem neunzehnten Jahrhundert erloschen glaubte. Doch plötzlich waren die Märchen wieder da. Obwohl Disney und Tolkien einander persönlich nie begegnet sind, kreuzten sich ihre Biographien in jenem Jahr 1937; für beide war es das wichtigste ihrer Karriere. Disney war gerade erst Mitte Dreißig, als im Dezember sein erster abendfüllende Zeichentrickfilm herauskam, und er revolutionierte damit das Filmgeschäft. Als unabhängiger Produzent, als einer der vielen kleinen Studiobesitzer also, die sich gegen die Konkurrenz der großen Filmunternehmen und der mit ihnen verbundenen Kinoketten nur mit Mühe in Hollywood behaupten konnten, brachte Disney mit "Schneewittchen und die sieben Zwerge" ein Werk heraus, das für kurze Zeit - bis ein Jahr später "Vom Winde verweht" seinen Siegeszug antrat - der erfolgreichste Film überhaupt werden sollte. Bei seinerzeit astronomischen eindreiviertel Millionen Dollar Produktionskosten (und drei Jahren Produktionsdauer) spielte die Märchenadaption im ersten Jahr bereits mehr als das Zweieinhalbfache ein: unglaubliche viereinhalb Millionen. Zeichentrick war plötzlich ein blendendes Geschäft.

Einige Monate vor der Premiere des Disney-Films war in England "Der kleine Hobbit" erschienen, Tolkiens Kindererzählung um den biederen Bilbo Beutlin, den das Schicksal dazu ausersehen hatte, große Abenteuer an der Seite von Zwergen, Elfen und Menschen zu erleben. Der englische Literaturprofessor aus Oxford, 1892 geboren, hatte diese Geschichte zunächst seinen drei Söhnen erzählt, bevor er sie aufschrieb und veröffentlichte. Schnell entwickelte sich sein spezifischer Mythenmix zum Bestseller, vor allem in den Vereinigten Staaten. Der Autor selbst erklärte sich seinen Erfolg mit einer Wiederbelebung: Die Märchen, ursprünglich eine Erzählgattung für alle Generationen, seien ins Kinderzimmer verbannt worden, wie man dort ausrangierte Möbel abgestellt habe - nicht, weil die Kinder sie schätzten, sondern weil die Erwachsenen ihr Interesse daran verloren hätten. Tolkien legte dieses verschüttete Interesse wieder frei. Märchen waren plötzlich ein blendendes Geschäft.

Disney hatte dasselbe Rezept verfolgt; von Anfang an forderte er seine Mitarbeiter auf, den "Schneewittchen"-Film so zu gestalten, daß sowohl Kinder als auch Erwachsene ihren Spaß daran haben würden. Das gelang in seinem Fall wie in dem von Tolkiens "Hobbit"-Buch durch einen Traditionsbruch: Beide individualisierten ihre Märchenstoffe. Tolkien orientierte sich dabei stark an Richard Wagner, von dem er zahllose Motive entlieh: den vom Drachen bewachten Zwergenhort, den Ring als Inbegriff der Macht, die Verblendung durch das Gold, den Unsichtbarkeitszauber - und die Helden, die plötzlich als Individuen, nicht mehr als Archetypen daherkamen. Sage, Mythos, Märchen und Roman sind bei Tolkien nicht zu trennen. Doch wo er den klassischen Märchenschatz plünderte, verfiel Tolkien auf denselben Geniestreich wie Disney. Beide stellten ihren Titelhelden die Zwerge als zentrale Akteure zur Seite und statteten diese in den Grimmschen Märchensammlungen gesichtslosen Figuren mit höchst differenzierten Charakterzügen aus.

Im "Kleinen Hobbit" wie in "Schneewittchen und die sieben Zwerge" ist die Zwergenschar eine homogen auftretende Gruppe höchst heterogener Zusammensetzung. Beide haben einen Tölpel in ihren Reihen, den dicken Bombur bei Tolkien, den stummen Dopey bei Disney; beide haben einen Anführer, Thorin im Buch, Doc im Zeichentrickfilm, und noch die anderen elf beziehungsweise fünf Zwerge sind bei Tolkien und Disney so exakt ausgearbeitet, daß man jeweils einen Trupp vor sich sieht, der für jeden Leser oder Zuschauer mindestens eine Identifikationsfigur bereithält: Da sind die jungen, mutigen Zwerge und die alten bedächtigen, die schläfrigen und die hungrigen, die bärbeißigen und die herzlichen. Bruno Bettelheim sah es mit großem Zorn: "Daß jeder Zwerg einen eigenen Namen und eine eigenständige Persönlichkeit erhält wie in dem Disney-Film, stört auf ernstzunehmende Weise das unbewußte Verständnis dafür, daß die Zwerge eine kindliche, vor-individuelle Existenzform symbolisieren, die Schneewittchen transzendieren muß. Derart gedankenlose Hinzufügungen zu Märchen, die das Interesse an ihnen scheinbar vermehren, tragen in Wirklichkeit dazu bei, sie zu zerstören, weil die Ergänzungen es schwierig machen, die tiefere Bedeutung der Geschichte richtig zu verstehen."

Aber niemand hörte auf Bettelheim. Angesichts des scheinbar unaufhaltsamen Siegeszugs der totalitären Systeme, die jede Individualität auszulöschen trachteten, feierten Kinogänger und Leser des Jahres 1937 die Renaissance des Individuums - zumindest im Märchen. Die Deutungen für die böse Hexe oder die Kriegerrasse der Orks lagen auf der Hand und trugen zum Erfolg von Film und Buch das Ihre bei. Im Triumph des Zusammenspiels der verschiedenen Charaktere lag ein Trost vor allem für das amerikanische Publikum, das in Europa alle humanistischen Werte verraten sah.

Und bis heute hat der Zauber, den die große Stärke der assoziierten Schwachen ausübt, nichts von seiner Wirkung verloren. Das Kinopublikum hielt "Schneewittchen und den sieben Zwergen" bei jeder Wiederaufführung die Treue - bis in die neunziger Jahre hinein, als das Video zum Film alle Verkaufsrekorde brach. Und Tolkiens Welt erlebte nach der 1954/55 erfolgten Publikation des dreibändigen "Herrn der Ringe", der die Geschehnisse aus dem "Kleinen Hobbit" fortsetzte - nun aber mit klarer Orientierung an einem jugendlichen, wenn nicht erwachsenen Publikum -, einen solchen Boom, daß jeder Einwand lächerlich wirken mußte. Immer wieder hat man Spuren der Entstehungszeit in dem vieltausendseitigen Werk identifizieren wollen - immerhin schrieb Tolkien daran, während die Luftschlacht um England tobte. Doch er selbst verwahrte sich gegen jede Übertragung der Realität auf seine Sagenwelt.

Diese Argumentation war auch bestimmend für Disneys Reaktion auf alle Bemühungen, seine Zeichentrickfiguren politisch zu lesen, wie es seit 1933, als die "Drei kleinen Schweinchen" als Stellvertreter des kleinen Mannes in der Depression gedeutet worden waren, üblich wurde. Hatte Tolkien seine Interpreten stets auf die Geschlossenheit und Tiefe seiner Phantasiewelt verwiesen, so betonte Disney nur zu gern die Oberflächlichkeit seiner Filme: "Ich will lieber die Leute unterhalten, anderen Spaß bereiten, sie zum Lachen bringen, als damit beschäftigt zu sein, mich über obskure kreative Eindrücke ,auszudrücken'." Kunst sollte nicht sein, was er produzierte, und was keine Tiefe besaß, ließ auch keinen Raum für Ausdeutung. Beide, Tolkien wie Disney, verteidigten die Integrität ihrer Schöpfungen mit Zähnen und Klauen.

Beide marschieren in der Mythengeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts Seite an Seite, doch sie nahmen kaum voneinander Notiz. Immerhin hatte der amerikanische Trickfilmer sich sofort nach Erscheinen des vollständigen "Herrn der Ringe" 1955 die Filmrechte an Tolkiens chef d'oeuvre gesichert, aber so hielt er es regelmäßig bei großen Publikumserfolgen auf dem Jugendbuchmarkt, und nach dem Mißerfolg seiner ambitionierten Dornröschenverfilmung von 1959 zog Disney seine Option wieder zurück. Vielleicht war das auch besser so, denn dem britischen Schriftsteller wiederum war der Zeichentrick suspekt, und erst nach Tolkiens Tod im Jahr 1973 sollte Ralph Bakshi, der sich zuvor durch wenig jugendfreie Animationswerke wie "Fritz the Cat" einen Namen gemacht hatte, den "Herrn der Ringe" 1978 als Trickfilm auf die Leinwand bringen. Sein Zyklus blieb jedoch unvollendet. An ein Realfilmprojekt wie das von Peter Jackson wagte vor dem Zeitalter des Computertricks noch keiner zu denken. Die imaginative Kraft von Tolkiens Welt wird sich nun an realistischen Bildern messen lassen müssen. Man darf gespannt sein, ob das Jahr 2001 wiederholen kann, was 1937 geschah. Wir werden bis zum Start des Films in weiteren Artikeln die Genese eines Stoffes beleuchten, der zu den Zentraltexten des zwanzigsten Jahrhunderts zählt.

ANDREAS PLATTHAUS

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.07.2001, Nr. 169 / Seite 47

(Danke Bernd Jahnke!)


English Version:

An German article about J.R.R. Tolkien}s mythological world and a composition to Walt Disney}s fairy tales. For both the year 1937 was a very important year because Tolkien published his "Hobbit" and Disney his "Snow White and the Seven Dwarfs". The author speculates if the year 2001 with the release of the first LOTR-movie will be again an important year for myths.

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