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Alan Lee exklusiv im Interview

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Wenn Alan Lee in seinem Privatatelier in Dartmoor, England zum Pinsel greift, entstehen wie durch elbische Magie zarte, fast durchscheinende Landschaften, bevölkert von mystische Kreaturen.

Obwohl der gebürtige Brite es mittlerweile zu einigem Ruhm gebracht hat (er wurde u.a. 2004 mit dem Oscar ausgezeichnet), gibt er sich bescheiden und fast schüchtern. Alan Lee wurde durch seine Illustrationen zu dem Buch FAERIES bekannt, dass er zusammen mit Brian Froud herausbrachte, aber auch seine unzähligen Buchcover sind aus dem Fantasy-Genre nicht mehr wegzudenken. Anlässlich des 100. Geburtstages von J. R. R. Tolkien illustrierte er den kompletten HERRN DER RINGE für eine imposante 1200-Seiten-Sonderausgabe und war bei der Verfilmung von Peter Jackson maßgeblich für das Design verantwortlich. Mittlerweile ist der 58-jährige der bekannteste Tolkien-Künstler überhaupt. Ich habe Alan Lee getroffen und mit ihm über J.R.R. Tolkien, eine mögliche HOBBIT-Verfilmung und Neuseeland gesprochen.

Vor ein paar Jahren sind sie für die Arbeit an der Verfilmung von DER HERR DER RINGE nach Neuseeland gezogen ...

Ja, das war vor sechs ... nein, sogar sieben Jahren, im Januar 1998; auf Einladung von Fran und Peter Jackson. Die beiden waren sehr vertraut mit den Werken von John Howe, Ted Nasmith und mir. Während ihrer Arbeit am Drehbuch hatten sie immer die von mir illustrierte Version des HERRN DER RINGE vor sich liegen. Und irgendwann haben sie beschlossen, dass sie genau diesen Stil auch im Film verwenden wollen. Und daher haben sie sich dann einfach bei John Howe und mir gemeldet. Wir wurden dann für anfänglich sechs Monate nach Neuseeland eingeladen aber daraus wurden für mich schließlich sechs Jahre.

Ich vermute Neuseeland wurde dann buchstäblich zu Ihrer zweiten Heimat?

Ja, so ist es.

Haben Sie irgendwann während dieser Zeit mit dem Gedanken gespielt für immer in Neuseeland zu bleiben?

Eigentlich nicht. Ich habe ja auch nie geahnt, dass es so lange dauern würde und ich war eine ganze Zeit davon ausgegangen, dass ich nur bis zum Ende der Dreharbeiten bleiben würde. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass ich auch für die Nachproduktion bleiben würde. Sie baten mich, bei den Special Effects zu helfen und so blieb ich.

Fiel ihnen die Entscheidung schwer, England für lange Zeit zu verlassen? Ted Nasmith wurde ja ebenfalls von Peter Jackson nach Neuseeland eingeladen, hat sich aber dagegen entschieden, weil er nicht so lange ins Ausland wollte.

Ich war ja nie von einer so langen Zeit ausgegangen. Klar war das ein gewaltiges Projekt, aber ich wusste nicht einmal, in wie weit ich überhaupt involviert sein würde. Am Anfang musste ich gemeinsam mit John [Howe], Richard Taylor und Grant Major nur das Grunddesign entwerfen. Als dann die Dreharbeiten anfingen – John flog dann bereits nachhause – blieb ich um die Kulissen und Requisiten zu designen. Das war etwas völlig Neues für mich. Und so löste dann eine Aufgabe die nächste ab und letztendlich war ich nach sechs Jahren sogar an dem Design der Extended Edition DVDs beteiligt.

Hatte Neuseeland Einfluss auf ihre Arbeit?

Die neuseeländischen Landschaften sind absolut beeindruckend, sehr ursprünglich, und es gibt dort ein wundervolles Licht. Besonders die fantastische Südinsel, wo wir auch Edoras gedreht haben und wo kaum Menschen leben, hatte einen großen Einfluss auf mich. Meistens habe ich aber eher fotografiert, als gezeichnet. Nur ganz selten habe ich Zeit gefunden, mich mit meinen Aquarellfarben irgendwo hinzusetzen. Alles musste ja sehr schnell gehen. Stattdessen habe ich reichlich in Foto-Equipment investiert und war in den letzten drei Jahren eigentlich überwiegend als Fotograf unterwegs.

Wie präsent sind für sie die Dreharbeiten und die Produktion vom HERRN DER RINGE noch? Verblassen die Erinnerungen langsam?

Wir haben das große Glück, dass es die Extended DVDs gibt. Wenn ich mir die Dokumentationen auf den DVDs anschaue, dann erinnere ich mich manchmal wieder an Ereignisse, die ich eigentlich schon vergessen hatte. Die Erinnerungen sind irgendwie noch vorhanden, müssen aber durch bestimmte Stimulationen wieder ins Gedächtnis gerufen. Und das ist mir sehr wichtig, denn dieser Abschnitt meines Lebens hat sehr viel für mich verändert. Meine ganze Arbeitsweise hat sich verändert.

Können sie das näher beschreiben?

Früher saß ich für Buch-Cover und ähnliches meistens ganz allein in meinem Atelier; nur ich und das Aquarell. Da habe ich selten Kontakt zu anderen Menschen gehabt. Und dann musste ich plötzlich mit Hunderten von Leuten zusammenarbeiten und das hat dann meine Arbeitsweise zwangsläufig verändert. Dadurch habe ich gelernt, besser mit anderen Menschen zu kommunizieren. Die Arbeit mit vielen Individuen hat mir sehr viel Spaß gemacht und war sehr inspirierend. So etwas ist in der Zurückgezogenheit nicht möglich. Man kann durch viele Menschen viel mehr Möglichkeiten ausschöpfen.

Sie waren auch schon vor der Verfilmung ein großer Tolkien-Fan. Haben sie sich während der Arbeit für Peter Jackson jemals in einem persönlichen Konflikt befunden? Vor allem ,wenn sie Designs zeichnen mussten, die stark von den Beschreibungen im Roman abwichen?

Damit hatte ich nie ein Problem. Ein Film ist eine Sache für sich. Es gibt keine Möglichkeit ein Buch Kapitel für Kapitel akkurat in einen Film umzuwandeln, ohne das etwas schrecklich langweiliges dabei herauskommt. Ein Film muss eine ganz eigene Dynamik und Struktur entwickeln können. Für mich war der Unterschied ganz klar, dass ich nicht mehr Tolkiens Werke illustriert habe, sondern Peter Jacksons Ideen. Beides lag zum Glück ziemlich nah beieinander. Peter wollte den Film immer so nah am Buch halten, wie es nur ging.
Mein Job – wie der jedes anderen auch – bestand darin die Visionen des Filmautors auf die Leinwand zu bringen. Da gibt es keinen inneren Konflikt, denn man arbeitet auf das Ziel hin, die Visionen dieses Mannes zu verwirklichen und den Film zu ermöglichen, den er machen möchte.

Hatten sie auch nie das Gefühl, dass sie mit Peter Jacksons Interpretation nicht einverstanden waren?

Nein, hatte ich nie.

Was glauben sie hätte J.R.R. Tolkien über den Film gedacht, wenn er ihn noch erlebt hätte?

Die Familie Tolkien hat sehr gemischte Gefühle, was die Verfilmung angeht. Aber ich glaube, dass J.R.R. Tolkien vom Film tatsächlich begeistert gewesen wäre. Tolkien hat immer betont, dass er eine Mythologie erschaffen wollte. Er wollte etwas kreieren, das andere Menschen, ob Musiker oder Künstler, übernehmen und weiterführen können. Das war seine ursprüngliche Intention. Und der Film folgt genau diesem Gedanken. Tolkien hat etwas so Bedeutendes und Tiefgründiges geschaffen, dass es jeder Veränderung stand halten kann. Der Roman wird immer überleben, weil er eine alteingesessene und überzeugte Leserschaft hat. Der Film besitzt aber auch gewisse Stärken nur auf einer ganz anderen Ebene. Das ist wie bei einem Mythos. Es gibt einen Kern, einen Ursprung und dann verändert sich durch viele andere Überlieferung und Interpretationen langsam die Struktur. Es wird auch in Zukunft sicherlich noch jede Menge anderer Manifestationen der Geschichte geben.

Lautet also ihre Botschaft für die Tolkien-Fans, die der Überzeugung sind, man dürfe den Roman nicht antasten, dass sie Tolkien nicht verstanden hätten?

Einige Fans haben das Gefühl, sie müssten den Roman beschützen. Aber ich glaube nicht, dass der Film einen schlechten Einfluss auf den Roman hatte. Erst durch die Verfilmung haben viele Menschen überhaupt zu dem Buch gefunden und konnten sich dafür begeistern. Der Roman wurde durch den Film aus einem literarischen Ghetto heraus geholt, in dem er sich viel zu lange befunden hat. Es gab Menschen, die waren der festen Überzeugung, dass sie niemals in ihrem Leben den HERRN DER RINGE lesen würden. Dann haben sie den Film gesehen und danach haben sie den Roman gelesen und er hat ihnen gefallen. Der Film hat die Wahrnehmung positiv verändert.

Wie würden sie ihre Beziehung zu John Howe beschrieben?

Ich habe es wirklich genossen, mit John zusammenarbeiten zu dürfen und wir hatten eine großartige Zeit. Wir haben uns beide eine zeitlang das gleichen Büro geteilt und uns auf eine gewisse Art und Weise gegenseitig ergänzt. Wir sind eigentlich sehr unterschiedlich im Typ, aber unsere Persönlichkeiten passen gut zusammen. Ich liebe Johns trockenen Humor. Unsere Arbeiten sind ähnlich, aber er hat einen ganz anderen Ansatz. Seine Bilder sind sehr dynamisch, sehr stark und sehr unmittelbar. Ich versuche hingegen eher Atmosphäre zu schaffen. Das war also die perfekte Kombination, weil ich für den Film die Atmosphäre und die Stimmungen entwerfen konnte und John hat diese großartigen Monster und Waffen und einige eindrucksvolle architektonische Glanzstücke entworfen, wie Barad-dûr, das Schwarze Tor oder Minas Morgul. Er hat sich mehr auf die dunkle Seite konzentriert. Er war Saurons Chefarchitekt, von Beutelsend mal abgesehen. Das hat er auch wunderschön hinbekommen.

Ich habe gelesen, dass ihre Tochter Virginia auch für die Spezialeffektfirma WETA gearbeitet hat.

Ja, sie kam für ein-zwei Jahre mit mir und hat in der künstlerischen Abteilung gearbeitet. Sie war für einige Skulpturen und Gebäudeteile beispielsweise in Minas Tirith zuständig. Sie hat einige tolle Designs realisiert. Und nach den Dreharbeiten hat sie auch noch einige der Polystone-Figuren [für Sideshow Toys] modelliert. Außerdem war sie für eine wundervolle Wandplakette verantwortlich, auf der zu sehen ist, wie sich die vier Hobbits vor dem Ringgeist unter der Wurzel verstecken.

Die Familientradition wird also fortgeführt?

Ja, sie hat jetzt sogar begonnen Bücher zu illustrieren.

Haben sie – mal vom HERRN DER RINGE abgesehen – unter den von ihnen illustrierten Büchern ein Lieblingswerk?

Ja, da gibt es einige. Ich mag BLACK SHIPS BEFORE TROY, das ist eine Nacherzählung der Ilias von Rosemary Sutcliff. Die griechische Welt war für mich nach den vielen keltischen und mittelalterlichen Motiven wieder etwas ganz anderes. Das hat mir Spaß gemacht und ich würde gerne noch mehr von dieser Art machen.

Mir gefallen ihre Bilder für das MABINOGION besonders gut.

Ja, das ist auch mein absolutes Lieblingsbuch. Mit den 45 Illustrationen für das Buch habe ich mir einen langgehegten Traum erfüllt. Aber ich liebe auch MERLIN DREAMS von Peter Dickinson.

Ihre Werke sind immer voller Mystik und haben etwas märchenhaftes. Wie lässt sich das mit KING KONG vereinen, für den sie kürzlich das Filmdesign entworfen haben? War das nicht ein großer Bruch?

Ich habe keine Designs für New York entworfen, sondern nur für die Szenen im Dschungel auf Skull Island. Und diese Umgebung ist auch sehr alt, mystisch und sehr fantastisch. Es war also gar kein so großer Unterschied. Ich mag es außerdem von Zeit zu Zeit auch mal etwas anderes zu machen und meinen Erfahrungshorizont etwas zu vergrößern.

Viele Fans waren sicherlich enttäuscht, als sie gehört haben, dass Peter Jackson als nächstes nicht den HOBBIT verfilmt, sondern sich einen Traum erfüllt und KING KONG zum Leben erweckt. Was würden sie Leuten auf den Weg mitgeben, die glauben, dass KING KONG nur ein weiterer Monsterfilm wird?

KING KONG war der erste Film, den Peter [Jackson] als Kind gesehen hat. Und Peter wollte nur Regisseur werden, um KING KONG neu zu verfilmen. Eigentlich hatte die Produktion von KONG schon vor dem HERRN DER RINGE begonnen, aber damals ist das Studio ausgestiegen, weil von anderen Studios bereits ähnliche Filme angekündigt worden waren. Und jetzt ist Peter in der Position, wo er den Film endlich machen kann. Das wird ein ziemlich intelligenter und sehr außergewöhnlicher Film. Peter Jackson ist ein großartiger Geschichtenerzähler. Peters Ambition ist es, eine fantastische Geschichte so beeindruckend und lebendig wie möglich auf die Leinwand zu bringen. Und genau das macht er KING KONG und DER HERR DER RINGE spielen in verschiedenen Epochen, haben unterschiedliche Dimensionen, aber beide sind gute Geschichten.

Wenn Peter Jackson sie morgen früh anrufen würde und fragen würde, ob sie für die Dreharbeiten von DER HOBBIT zurück nach Neuseeland kommen, würden sie diesen Job annehmen?

Ja, das würde ich sofort machen. DER HOBBIT könnte ein fantastischer Film werden.

Und glauben sie das wird bald geschehen?

Ich denke mal, dass die Chancen ziemlich gut stehen. Aber ich bin nicht ganz sicher, was die vertragliche Situation angeht. Es gibt da wohl noch ein paar urheberrechtliche Fragen zu klären. Da der HERR DER RINGE sehr erfolgreich war, besteht bereits ein kommerzielles Potential und die Studios wollen sicherlich so bald wie möglich mit dem Projekt beginnen. Und Peter Jackson wäre definitiv die beste Person, um den Film zu realisieren.

Ich bedanke mich für das Gespräch

(Das Interview führte Stefan Servos)


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